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Bundesschule des ADGB 1927–1933

Bildungssaufgaben

Nach der Eröffnung der Bundesschule am 4. Mai 1930 begann der Schulbetrieb mit einem Kursus für Angehörige des Gesamtverbandes der Arbeitnehmer der öffentlichen Betriebe und des Personen- und Warenverkehrs sowie des Deutschen Textilarbeiterverbandes. Die vom Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB) ausgeschriebenen Kurse wurden von Industriegewerkschaften und Gewerkschaften, die dem ADGB angehörten und am Bau der Schule beteiligt waren, organisiert und finanziert. Das Zusammenwirken von Verbandsvorständen, ADGB und Schule war eine wesentliche Grundlage der Arbeit. Ziel der Schulung war es, vor allem ehrenamtliche Funktionäre auszubilden, die in der Lage waren, eine wirksame Gewerkschaftsarbeit unter den gegen Ende der Weimarer Republik sich enorm verschlechternden politischen, ökonomischen und sozialen Verhältnissen zu leisten. Es sollten, wie in der Eröffnungsrede betont wurde, Gewerkschafter ausgebildet werden, die in der Lage waren, die wirtschaftlichen Vorgänge richtig zu beurteilen und das Zusammenwirken der im ADGB vereinten Gewerkschaften sowie ihr internationales Schaffen zu befördern. Deshalb wurde im Unterricht ein besonderes Augenmerk auf verbandsübergreifende Probleme gelegt.

 

Unterricht

An der Bundesschule fanden Einführungskurse von zwei und vier Wochen Dauer, Fortgeschrittenen- und Fachkurse statt; daneben Sonderkurse für Jugendleiter, -sekretäre und Frauen sowie Informationsveranstaltungen für Gewerkschafter aus dem Ausland. In der Zeit von Mai 1930 bis zum April 1933 nahmen ca. 5.000 Gewerkschafter an den Lehrgängen teil. Im Mittelpunkt der Ausbildung standen volks- und betriebswirtschaftliche Fragen, Probleme der Sozialpolitik, vor allem des Tarif- und Schlichtungswesens, der Sozialversicherung und des Arbeitsschutzes, Fragen des Arbeitsrechts und eine Einführung in die Verbandsgeschichte. Der Unterricht wurde von den fest angestellten Dozenten Dr. Hermann Seelbach (Schulleiter), Dr. Franz Grosse (Wirtschaftspolitik) und Dr. Curt Gusko (Arbeitsrecht) sowie durch Gastlektoren erteilt. Fast täglich besuchten Interessenten aus dem In- und Ausland die Schule, die zu den modernsten Bildungseinrichtungen jener Zeit gehörte.

 

Freizeitgestaltung

Nach dem Unterricht fanden in der Regel dreimal wöchentlich Abendveranstaltungen statt. Für die körperliche Betätigung bot der Sportplatz, die Sporthalle und das Schwimmbad vielfältige Möglichkeiten. Die Bibliothek hielt neben der Fachliteratur ein umfangreiches Angebot an Belletristik bereit. In den Freizeiträumen lag die Tagespresse aus. Brett- und andere Spiele luden zum geselligen Zeitvertreib ein. Die Tonfilmanlage in der Aula bot eine reiche Auswahl an Unterhaltungsfilmen und Dokumentationen aus dem Leben der Gewerkschaftsverbände. Literatur- und Liederabende sowie Vorträge zu aktuellen Themen vervollständigten das Freizeitangebot.

Die Nazis übernehmen das Gebäude 1933–1945

Inbesitznahme durch die NSDAP

Mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten am 30. Januar 1930 begann die systematische Vernichtung aller Organisationen der Arbeiterbewegung und deren Einrichtungen. Dazu gehörte auch die größte Organisation der Arbeiter und Angestellten: die Gewerkschaft. Nach zwei Überfällen, am 6. und 9. Mai, im Rahmen einer groß angelegten Aktion zur Zerschlagung der Gewerkschaften in ganz Deutschland, wurde auch die Bundesschule des ADGB besetzt. Gegen 10.00 Uhr verschafften sich 50 Angehörige des SA Sturmbanns IV/208 aus Berlin Zugang zur Schule und wiesen die Schüler an, bis 15.00 Uhr die Einrichtung zu verlassen. Die Lehr- und Verwaltungskräfte mussten sich in ihre Privaträume zurückziehen. Der Schulleiter wurde abgesetzt und der für die Verwaltungsarbeit an der Schule zuständige ehemalige Jugendsekretär des Holzarbeiterverbandes im ADGB, Richard Timm, gezwungen, die Schule der SA zu übergeben und ein Übergabeprotokoll zu unterschreiben. Dr. K. O. Schreiter, Funktionär der Hamburger Nationalsozialistischen Betriebsorganisation (NSBO) und R. Mayrhofer, Gauleiter der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) in Niederbayern, übernahmen die Leitung der Schule, richteten hier die „Reichsführerschule der NSDAP und der Deutschen Arbeitsfront“ (DAF) ein, die am 16. Juni 1933 durch Adolf Hitler eingeweiht wurde.

 

„Reichsführerschule“

In der als „Hochschule des Nationalsozialismus“ deklarierten Reichsführerschule erfolgte künftig die Schulung der Spitzenfunktionäre der NSDAP, der DAF und der NSBO. Die besten Absolventen der Gau- und Landesführerschulen der NSDAP sollten hier zu „charakterfesten Führerpersönlichkeiten“ erzogen werden. Der erste Lehrgang war ausschließlich den Amtswaltern der NSDAP und der DAF sowie Landtags- und Kreistagsabgeordneten vorbehalten. Der Unterricht lief in „soldatischer Form“ ab. Unterrichtsgebiete waren Deutsche Geschichte, Entstehung und Entwicklung der nationalsozialistischen Bewegung, Weltanschauung des Liberalismus und Marxismus, Rassenfragen, Vererbungslehre, Deutsches Recht, der Faschismus, Sport u. a. Neben fest angestellten Lehrkräften referierten führende Vertreter des NS-Regimes wie Joseph Goebbels, Alfred Rosenberg, Robert Ley u. a. Für das erste Schulungsjahr (Juni 1933–Juni 1934) waren neun Kurse (3–4 Wochen) mit 650 Teilnehmern belegt. Neben dem regulären Unterricht fanden in der Freizeit wehrsportliche Übungen, Kameradschaftsabende und Exkursionen statt. Es wurden ein Schießstand und wehrsportliche Anlagen gebaut. Das Schwimmbad erhielt einen Betonboden.

 

SD-Schule Bernau bei Berlin

Am 6. Juni 1936 wurde die Reichsführerschule der NSDAP von der Reichsführung SS (Reichssicherheitshauptamt) übernommen. Sie trug fortan die Bezeichnung „SD-Schule Bernau bei Berlin“. Durch Fechtkurse, die hier auf Anregung von SD-Chef Reinhard Heydrich durchgeführt wurden, ist auch der Name „Fechtschule der SS“ geläufig. Vorrangig diente sie jedoch der Ausbildung von SS-, SD- und Gestapoangehörigen. Ihr Leiter war SS-Sturmbannführer Karl Hoffmann. Noch bis Anfang 1939 bestehende Pläne, den von den Nazis geschmähten „bolschewistischen Bauhausstil“ durch Aus- und Umbauten zu verändern, wurden aufgrund der Kriegsvorbereitungen nicht mehr ausgeführt. Die Schule diente ab Mitte 1939 der unmittelbaren Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges. Hier erfolgte die Ausbildung von Führungskräften des SD, die nach der Eroberung Polens die Verwaltung der besetzten Gebiete übernehmen sollten. Sie wurden nach speziellen Ausbildungsprogrammen auf diesen Einsatz vorbereitet. Im August 1939 fand in der SD-Schule unter strengster Geheimhaltung die Einweisung jener SS-Angehörigen statt, die am 31. August unter der Tarnbezeichnung „Unternehmen Tannenberg“ in polnischen Uniformen den deutschen Reichssender Gleiwitz und die Zollstation Hochlinden überfielen, um einen Vorwand zur Auslösung des Zweiten Weltkrieges zu schaffen. Versuche von Großunternehmen, die Einrichtung ab 1940 zur Unterbringung von ausländischen Zwangsarbeitern zu nutzen, wurden von der SS abgelehnt. Die Schule erhielt für ihre weitere Nutzung als Ausbildungsobjekt der SS Anfang des Krieges einen Tarnanstrich.

Bundesschule des FDGB „Theodor Leipart“, 1947–1951

Wiedereröffnung als Gewerkschaftsschule

Seit April 1945 diente die zum Teil stark beschädigte Schulanlage der Roten Armee als Lazarett. Anfang 1946 verhandelte der im Juni 1945 in Berlin gegründete Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) mit der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) über die Rückgabe der Schule an die Gewerkschaften. Er ging dabei von der Voraussetzung aus, die ehemalige Bundesschule des ADGB nunmehr als zentrale Bildungseinrichtung für Funktionäre der neuen freien Gewerkschaften aus allen vier Besatzungszonen zu nutzen. Umfangreiche Instandsetzungsarbeiten bedingten, dass die von Meyer und Wittwer errichteten Gebäude erst ab dem 2. Mai 1947 wieder ihrer Bestimmung übergeben werden konnten. An der Bundesschule des FDGB „Theodor Leipart“ fanden in der Zeit von 1947 bis 1949 neun Haupt- und 85 Sonderlehrgänge statt, an denen 3.094 Gewerkschafter aus der Sowjetischen Besatzungszone teilnahmen. Den Lehrgangsteilnehmern wurden Grundkenntnisse zur Geschichte der deutschen Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, zur Mitbestimmung und zu den Aufgaben der Betriebsräte, zum Tarif- und Sozialwesen, zum Arbeitsrecht, zu Jugend- und Organisationsfragen sowie zu Literatur und Kunst vermittelt. Die Ausbildung erfolgte auf marxistischer Grundlage, sie orientierte sich an den Erfordernissen des antifaschistisch-demokratischen Aufbaus. Der Unterricht, den einige hauptamtliche Lehrkräfte des FDGB durchführten, wurde durch Lektionen von Funktionären des FDGB (Hans Jendretzky, Bernhard Göring und Ernst Lemmer), der Industriegewerkschaften (IG) und Gewerkschaften sowie von Vertretern der Parteien und der Länderregierungen ergänzt. Die ersten Lehrgänge leitete Emil Kortmann.

 

Erweiterungsbauten

Die Stellung der Gewerkschaften in der am 7. Oktober 1949 gegründeten DDR, vor allem ihre Rolle in den Betrieben, erforderte es, immer mehr Funktionären umfassende gewerkschafts-politische Kenntnisse zu vermitteln. Am 14. Mai 1950 erfolgte deshalb die Grundsteinlegung für neue Schul-, Internats-, Verwaltungs- und Wohngebäude, die Ende 1951 fertiggestellt wurden. Den Entwurf für das Projekt lieferte der Architekt Georg Waterstradt, der bemüht war, an die Intentionen von Hannes Meyer und Hans Wittwer anzuknüpfen. Die Regierung der DDR unterstützte das Bauvorhaben mit umfangreichen Investitionen. Auch diese Gebäude sind inzwischen als Zeugnisse einer kurzen, progressiven Bauphase in der DDR denkmalgeschützt. Dazu gehört auch der Verbindungsgang zwischen den Gebäudekomplexen, der einen Bruch mit der Bauhaustradition dokumentiert. Zusammen mit den umfangreichen Umbauten des Eingangsbereichs verdeutlicht dies die Abkehr von den Ideen der Moderne.

 

Von der Bundesschule zur Hochschule

Mit der Beschlussfassung der SED über den ersten Fünfjahresplan 1950 wurden die Gewerkschaften in die forcierte Entwicklung zum Sozialismus, die zu einer immer stärkeren Abgrenzung von reformistischen Auffassungen führte, voll einbezogen. Der dritte FDGB-Kongress (30. August bis 3. September 1950) beauftragte den Bundesvorstand, Voraussetzungen für die Entwicklung der Bundesschule des FDGB zur Hochschule mit einer Ausdehnung der Lehrgangszeit auf ein bis zwei Jahre zu schaffen, in der leitende Funktionäre des FDGB und der Industriegewerkschaften geschult werden sollten. An der Ausbildung beteiligten sich Gastlektoren aus der Sowjetunion, die Vorlesungen über die Geschichte der KPdSU, zur Philosophie sowie zur politischen Ökonomie hielten. In der Zeit des Übergangs zur Hochschulausbildung 1950/51 erfolgten der Aufbau von Lehrstühlen, die Konzipierung neuer Lehrinhalte, die Bildung einer Lehr- und einer Lehrmittelabteilung sowie der Ausbau der Bibliothek mit einem Lesesaal. Gleichzeitig wurden Dienstleistungsbereiche ein- und die Sporthalle, das Schwimmbad sowie der Sportplatz wieder für die sportlichen Betätigungen hergerichtet. 1951 entstand die Sportvereinigung Wissenschaft an der Bundesschule. Parallel zu den Hauptlehrgängen an der Bundesschule wurden in Bernau und Dresden Kurse für die Ausbildung von Lehrkräften in der gewerkschaftlichen Schulungsarbeit eingeführt. Die Bundesschule des FDGB „Theodor Leipart“ wurde im Januar 1952 in die Hochschule der Gewerkschaften umbenannt und erhielt den Namen des kommunistischen Gewerkschafters „Fritz Heckert“.

Hochschule der Gewerkschaften „Fritz Heckert“ 1952–1989

Entwicklung der Hochschule

Nach der Eröffnung der Hochschule fanden 1952 bis 1955 ein Einjahres- und drei Zweijahreslehrgänge statt, an denen ca. 500 Gewerkschafter teilnahmen. 1956 wurde die Schule offiziell in den Rang der Hochschule erhoben und erhielt das Recht zur Vergabe von Diplomen. Damit verbunden war die Ausdehnung des Studiums auf drei Jahre, die Einführung eines Fernstudiums ab 1957 und die Einrichtung eines Sonderstudiums für Frauen ab 1961. Das Ausbildungsprogramm umfasste die Gebiete Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung, Philosophie, politische Ökonomie, Arbeitsökonomie, Sozialpolitik, Arbeitsrecht, Kultur- und Bildungsarbeit sowie Erfahrungen in der Organisationsarbeit. Studententage, öffentliche Diplomverteidigungen und Kolloquien ergänzten und erweiterten das Ausbildungsprogramm. Die Schule richtete wissenschaftliche Seminare und Konferenzen zu verschiedenen Themen gewerkschaftlicher Interessenvertretung aus. Dabei orientierte sie sich an den von der Führung der SED vorgegebenen Schwerpunkten ideologischer Einflussnahme und einer zumeist unkritischen Übernahme sowjetischer Erfahrungen. Das Lehrerkollektiv wurde durch Absolventen von Universitäten und Hochschulen erweitert und zusätzlich durch externe Studien qualifiziert. Von 1949 bis 1960 stand die Schule unter der Leitung von Prof. Dr. Hermann Duncker. In den folgenden zwei Jahrzehnten entwickelte sich die Hochschule zu einem international anerkannten Bildungs- und Forschungszentrum. Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre entstanden zum einen weitere Internats-, Instituts- und Wohngebäude, deren Gestaltung den damals herrschenden Architekturvorstellungen in der DDR entsprachen, und zum anderen die ersten Typenbauten im Rahmen der industriellen Bauproduktion.

 

Ausländerbildung

Im Rahmen der internationalen Arbeit des FDGB wurde ab 1959 an der Hochschule begonnen, Gewerkschafter aus afrikanischen, asiatischen, später auch lateinamerikanischen und einigen westeuropäischen Ländern auszubilden. Diese Aufgabe übernahm ein spezieller Lehrbereich, in dem Ende der 1980er Jahre dreißig Lehrkräfte, sieben Dolmetscher und technische Mitarbeiter tätig waren. Den ausländischen Kollegen wurden Grundkenntnisse gewerkschaftlicher Mitbestimmung, der politischen Ökonomie, der Geschichte der Gewerkschafts- und nationalen Befreiungsbewegung, des Kampfes gegen Imperialismus und Neokolonialismus, des Arbeitsrechts, der Sozialpolitik, des Organisationsaufbaus sowie Erfahrungen des FDGB in der antifaschistisch-demokratischen Umbruchphase der ersten Nachkriegsjahre (1945–1948) vermittelt. Informationen über die Arbeit der Gewerkschaften in der DDR und Exkursionen ergänzten das Ausbildungsprogramm. Etwa 4.400 Gewerkschafter aus 93 Staaten nahmen von 1959 bis 1989 an kurz- und längerfristigen Lehrgängen teil. Die Lehrgänge wurden ausschließlich aus Solidaritätsbeiträgen von Gewerkschaftern der DDR finanziert. 1984 wurden dafür ca. 6 Millionen Mark bereitgestellt. An der Hochschule fanden Veranstaltungen mit Funktionären der internationalen Gewerkschaftsbewegung und Vertretern gewerkschaftlicher Bildungseinrichtungen aus anderen Ländern statt. Bereits seit Ende der 1970er Jahre befassten sich Historiker, im Speziellen Architekturhistoriker, mit der Baugeschichte des Gebäudes. Klaus-Jürgen Winklers Dissertation über den zweiten Bauhaus-Direktor Hannes Meyer und Forschungen sowie Publikationen des an der GHS als Professor arbeitenden Heinz Deutschland brachten letztlich auch der Bundesschule die ihr gebührende Anerkennung. 1977 fand die historische ADGB-Bundesschule Eingang in die Bezirksdenkmalliste.

 

Die Hochschule Ende der 1980er Jahre

Die Entwicklung neuer Technologien und der Rechentechnik sowie die sich daraus ergebenden Anforderungen an die Gewerkschaftsarbeit fanden Eingang in das Ausbildungsprogramm. In einem speziell dafür eingerichteten Computerkabinett wurden Grundkenntnisse für den Einsatz und die Nutzung von Personal Computern vermittelt. Es entstanden spezielle Forschungsgruppen, in denen auch Studenten mitarbeiteten. 1986 erhielt die Hochschule das Promotionsrecht. Die Ausbildung und die Forschung verliefen auch in den 1980er Jahren insgesamt im ideologisch vorgegebenen Rahmen. Bemühungen um kritische Analyse und neue Konzepte blieben marginale Erscheinungen. Sie gelangen erst Anfang November 1989 mit dem Dokument „Für eine Wende in der Gewerkschaftsarbeit“ in die Öffentlichkeit. Mit der Wiederaufnahme der Bauhaustradition in der DDR Anfang der achtziger Jahre wurden Projekte zur Bewahrung des Meyer-Wittwer-Baus und zu einer sinnvollen Einordnung notwendiger Erweiterungsbauten erarbeitet und an der Gewerkschaftshochschule diskutiert. Bei den seit 1980 realisierten Typenbauten in Großblockbauweise: einem Internat, einer Mensa, einem Heizhaus, einem Wohnkomplex und einer Kindereinrichtung, blieben sie jedoch unberücksichtigt. Zum 60. Jahrestag der Eröffnung der Bundesschule fand am 4. Mai 1990 eine Veranstaltung statt. Freunde des Bauhauses aus der Deutschen Demokratischen Republik, der Bundesrepublik Deutschland und der Schweiz gründeten den Verein baudenkmal bundesschule bernau e. V. Seit der Wiedereröffnung 1947 wurden in Bernau etwa 15.000 Gewerkschafter ausgebildet. Am 30. September 1990 wurde die Gewerkschaftshochschule im Zuge der Auflösung des FDGB geschlossen. 195 Lehrkräfte und 345 Angestellte und Arbeiter wurden entlassen.

Unsicherheit und Leerstand nach der Wende 1989–2006

Unsichere Zeiten

Nach der Schließung der Gewerkschaftshochschule im September 1990 wurde der Erhalt und die Nutzung der unter Denkmalschutz stehenden Gebäude sowie der Außenanlagen längere Zeit ungewiss. Der Gebäudekomplex wurde zunächst von der gewerkschaftlichen Vermögensverwaltungsgesellschaft (VVG) des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes i. L. verwaltet und an verschiedene interessierte Nutzer (unter anderem an die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte und das Bildungs- und Begegnungszentrum Bernau) vermietet. Im August 1991 vermietete die Treuhandanstalt schließlich die Immobilie an das Land Brandenburg zur Einrichtung einer Fachhochschule für öffentliche Verwaltung (FH). Zum 1. Januar 1992 nahm die Schule ihren Lehrbetrieb auf. Im selben Jahr wurden auch die Erweiterungsbauten des Architekten Georg Waterstradt unter Denkmalschutz gestellt. Erste Sanierungs- und Teilrekonstruktionsmaßnahmen im Dachbereich vor der Sporthalle und in einem der Lehrerhäuser konnten derweil mit eingeworbenen finanziellen Mitteln des Vereins baudenkmal bundesschule bernau e. V. erfolgen. Im Dezember 1993 schlossen das Land Brandenburg und die Stadt Bernau bei Berlin einen Erbbauvertrag über 60 Jahre für das Gelände der ehemaligen Gewerkschaftsschule des FDGB. Doch schon vier Jahre später (1996) wurde das Objekt durch die Landesregierung wieder zur Disposition gestellt und eine Verlegung der FH angestrebt, die endgültig zum 31. August 1998 erfolgte.

 

Leerstand und neue Hoffnung

Der nun folgende Leerstand verursacht erhebliche Schäden an der Bausubstanz. Die Bemühungen der Landesregierung um eine sinnvolle und funktionsgerechte Nachnutzung führen für den Kern des denkmalgeschützten Bereiches, den Meyer-Wittwer-Bau, im September 2000 zum Erfolg. Mit der Unterzeichnung eines Untererbbaurechtsvertrages zwischen dem Land Brandenburg und der Handwerkskammer (HWK) Berlin wird diese neue Eigentümerin des Hauptteils des Baudenkmals (Meyer-Wittwer-Bau). Die Lehrerhäuser und das weitere Umfeld wie z. B. der Vorplatz werden dabei aber ausgeklammert. Die HWK tritt im September 2001 verbindlich in ihre Rechte ein. Damit sind nun alle Voraussetzungen für eine sach- und fachgerechte Sanierung und künftige Nutzung des Baudenkmals erfüllt.

 

Sanierung

Schon im Januar 2001 erfolgte eine europaweite Ausschreibung für das Sanierungsvorhaben, an der sich 102 Architekten und Planungsbüros beteiligten. Das Präsidium der HWK erteilte im Juli 2001 dem Büro BRENNE GESELLSCHAFT VON ARCHITEKTEN aus Berlin den Auftrag für die Generalplanung der Sanierung und Teilrekonstruktion des Meyer-Wittwer-Baus und die Bauleitung für die Ausführung der Arbeiten. Die Planung sowie die Vorarbeiten begannen im September 2001, und im Februar 2003 startete der erste Bauabschnitt. Im Frühjahr 2005 wurden die Arbeiten im Foyerbereich und an den Internaten abgeschlossen. Der zweite Bauabschnitt dauerte noch bis Ende 2007. Heute zeigt sich das Schulgebäude nahezu vollständig in seinem ursprünglichen historischen Zustand von 1930. Im Eingangsbereich wurde jedoch der Kopfbau aus den fünfziger Jahren erhalten; der historische eingeschossige Haupteingang mit auskragendem Dachvorsprung und den drei darüber senkrecht in den Himmel zeigenden Schornsteinen wurde somit nicht rekonstruiert. Diese Entscheidung der Architekten zeigt den Respekt vor allen historischen und unter Denkmalschutz stehenden Zeitebenen – die von 1930 und von 1950.

Der Weg zum UNESCO-Welterbe und Ausblick 2007–2021

Die HWK Berlin nutzt den Meyer-Wittwer-Bau heute als Internat für ihr Bildungs- und Innovationszentrum (BIZWA) in Bernau-Waldfrieden. 2008 erhielten die Architekten Winfried Brenne und Franz Jaschke den erstmalig vergebenen WMF/Knoll Modernism Prize für die beispielhafte Wiederherstellung und Modernisierung sowie den Umgang mit den unterschiedlichen Zeitspuren. Nach der Bereitstellung der Mittel durch das Land Brandenburg konnte die BRENNE GESELLSCHAFT VON ARCHITEKTEN im August 2009 mit der Sanierung und Wiederherstellung der zum Baudenkmal Bundesschule Bernau gehörenden Lehrerhäuser beginnen. Ende 2010 zogen bereits die ersten Mieter in die sanierten Wohnungen ein. Im August 2012 schlug das Bundesland Brandenburg gemeinsam mit den Bundesländern Sachsen-Anhalt und Thüringen vor, die in die Welterbeliste der UNESCO eingetragenen Bauhausstätten Weimar und Dessau um die ADGB-Bundesschule Bernau und die Laubenganghäuser Dessau-Törten zu ergänzen – beides Bauwerke, die unter der Leitung von Hannes Meyer am Bauhaus entstanden. Im Juli 2017 erfolgte die Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste. Am 7. Oktober 2015 erhielt der Verein baudenkmal bundesschule bernau e. V. den Brandenburgischen Baukulturpreis/Initiativpreis. Im Jahr 2016 wurde mit der Revitalisierung der Außenanlagen am Bauhaus Denkmal Bernau begonnen, die mittlerweile abgeschlossen ist. Dazu gehören die Zufahrt Fritz-Heckert-Straße, der Eingangsbereich zum Hannes-Meyer-Campus, der gesamte Campus, die Wiedererrichtung der Pergola im Innenhof und die Umgebung des Teiches. Leerstehende, nicht denkmalgeschützte Gebäude am Campus wurden abgerissen. Auf einem Teil des Geländes ist ein neuer Besucherparkplatz entstanden. Bis voraussichtlich 2021 soll am Hannes-Meyer-Campus ein separates Gebäude als Besucherzentrum für das Welterbe errichtet werden. Zukünftig können sich hier unsere Besucher in einer Ausstellung über das Bauhaus Denkmal Bundesschule Bernau, die UNESCO-Welterbestätte „Das Bauhaus und seine Stätten in Weimar, Dessau und Bernau“ und über die UNESCO informieren.