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Grundsteinlegung: 1928 – 29. Juli – 2020

Die ADGB-Bundesschule

Am 20. Mai 1927 beschloss der Bundesausschuss des ADGB, eine zentrale gewerkschaftliche Bildungseinrichtung für alle Verbände zu errichten. Der Kunstkritiker und Jurymitglied des Architekturwettbewerbs für die Bundesschule, Adolf Behne, beschrieb die Anforderungen so:

„Es sollte kein Schulhaus im traditionellen Sinne entstehen mit der erforderlichen Anzahl an Klassen, Seminaren, Wohnräumen usw. in einem Hause beliebiger Form, sondern es sollte das in jeder Hinsicht Vorbildliche geschaffen werden: der Typ der neuen Schule, einmal, um den Opfersinn der sich hier weiterbildenden Arbeiter die dankbare Gesinnung ihrer großen Organisation zu zeigen, zugleich aber auch, um ihnen, die doch alle aus engen ungenügenden häuslichen Verhältnissen, oft genug aus überfüllten und ungenügenden Wohnungen kommen, wenigstens für diese Wochen des Unterrichts die Ziele und Methoden moderner Wohnkultur in einer so reinen und zwingenden Form nahe zu bringen, faktisch erlebbar zu machen, dass sie von dem Beispiele für immer Nutzen und inneren Gewinn hätten. Ein Maximum von Lebensfreude, die Nähe elementarer Lebensreize sollte den Schülern hier vermittelt werden bei aller Schlichtheit und Knappheit des Bauens.“

Der ADGB hatte sich hiermit ehrgeizige Ziele gesteckt. Nach der Auslotung mehrerer Bauplätze – unter anderem auch in Eberswalde und Wandlitz – entschied sich der ADGB letztlich für das abgelegene Stück Stadtforst mit kleinem Natursee in Bernau-Waldfrieden. Hannes Meyers Entwurf ging aus dem an moderne Architekten gerichteten Wettbewerb als klarer Sieger hervor. Mit ihm hatten nächtelang sein Baupartner Hans Wittwer und die Studierenden der Bauabteilung am Bauhaus über den Entwürfen gebrütet, um den hohen Anforderungen des ADGB gerecht zu werden. Es entstand ein Schulungsort aus einer Abfolge aufgelockerter Zweckbauten (Verwaltungs- und Aufenthaltskomplex, Internatshäuser und Schulbau mit Turnhalle, Bibliothek und Unterrichtsräumen), verbunden durch einen langen, abfallenden Glasgang, der sich als „Lebensader“ am gesamten Bauensemble entlangzieht.

 

Die Grundsteinlegung für den heute international geschätzten und im Juli 2017 von der UNESCO in das bestehende Welterbe „Das Bauhaus und seine Stätten in Weimar, Dessau und Bernau“ auch im Titel ergänzten Bauhausbau fand am 29. Juli 1928 unter großem Brimborium statt: Die Stadt stellte kostenfreie Blumengirlanden zur Verfügung, um Bernau zu diesem Anlass gebührend herauszuputzen. Der Festzug zur Grundsteinlegung versammelte sich vor dem Bernauer Rathaus und zog mit Blasmusik, Sprechchören und Fahnen in Richtung Waldfrieden. Dort angekommen, hielten die ADGBler Theodor Leipart und Otto Heßler Reden, ein jungproletarischer Sprechchor gab eine Vorführung zum Besten, der erste Hammerschlag wurde getan. Auf einigen Fotografien des Ereignisses im Hintergrund zu sehen: der verantwortliche Architekt Hannes Meyer. Im Anschluss wurde gefeiert: mit Musik und Tanz und einer feierlichen Umrundung des Natursees und anschließendem baden. Das Barnimer Tageblatt titelte:

„Hier, in unmittelbarer Nähe Berlins, reichen sich Gegenwart und Vergangenheit die Hand.“

Das Bauensemble wurde in weniger als zwei Jahren hochgezogen. Den Bau betreuten neben dem verantwortlich zeichnenden Architekten Hannes Meyer, dem damaligen Direktor des Bauhauses in Dessau, und Hans Wittwer (seinem ehemaligen Büropartner und Leiter der Bauhaus-Architekturklasse, der jedoch 1929 das Bauhaus verließ, weil Meyer ihn in keinster Weise als Architekten der Bundesschule erwähnte) auch Studierende des Bauhauses als Bauleiter, Praktikanten und Ausstatter. Mit dem Bau der Bundesschule erfüllte sich für Meyer die Idealvorstellung davon, wie mit Lehre und Praxis moderne Architekten und Gestalter ausgebildet werden sollten und wie das Bauhaus zum Versuchslabor im Großen wurde.
 

Die Einweihung am 15. Mai 1930 wurde ebenso groß gefeiert wie die Grundsteinlegung. Hannes Meyer hatte sich hierfür als „Prolet“ verkleidet, wie sein Bauhaus-Kollege Georg Muche sich Jahre später in Die Zeit belustigt erinnern wird, vermutlich um sich dem gewerkschaftlichen Klientel anzupassen und als „einer von ihnen“ durchzugehen. In einer glühenden Ansprache in der Turnhalle präsentierte der Architekt den Besuchern an diesem Tag „sein“ Werk. Außen vor blieben auch dieses Mal Hans Wittwer und all die Studierenden des Bauhauses, die wesentlich zum Erfolg des Bauwerkes beigetragen hatten.

UNESCO-Besucherzentrum am Bauhaus-Welterbe Bernau

Mit der Eintragung des Bauhaus Denkmals Bundesschule Bernau in die Welterbe-Liste der UNESCO im Jahr 2017 hat sich das Besucheraufkommen am vor Ort stetig erhöht. Das Gebäude ist ein „lebendes“ Denkmal, das von der Handwerkskammer Berlin als Lehrlingsinternat genutzt wird. Der Zugang zum Bauhaus in Bernau ist daher nur begrenzt zu angemeldeten Führungen donnerstags und sonntags um 11.30 und 14.30 Uhr möglich. Um den Besuchern auch außerhalb dieser zwei Zeitfenster einen Anlaufpunkt und Informationen rund um die UNESCO-Welterbestätte zu bieten, ist ein Besucherzentrum notwendig geworden.

 

Exakt 92 Jahre nach der Grundsteinlegung der Bundesschule des ADGB, am 20. Juli 2020, soll nun der Grundstein für das UNESCO-Besucherzentrum am Bauhaus-Welterbe Bernau gelegt werden. Es ist ein historisches Datum, an dem Bernau seine Hand erneut in Richtung Zukunft streckt. Den internationalen Besuchern des Bauhaus Denkmals Bernau wird nun ein Anlaufpunkt am Campus gegeben, wo sie sich in einer Ausstellung über die Bedeutung von Welterbestätten, das Bauhaus-Welterbe und die über 90-jährige Bau- und Nutzungsgeschichte der ehemaligen Bundesschule des ADGB informieren können. Außerdem wird das Leben am Bauhaus Campus hier eine wichtige Rolle spielen. Das Besucherzentrum will ein Treffpunkt werden für Besucher, Anwohner und Schüler/Lehrlinge, die tagtäglich am Bauhaus Campus ein- und ausgehen. In öffentlichen Veranstaltungen und Workshops im Besucherzentrum soll künftig vor Ort weltoffen erzählt, diskutiert und kreativ produziert werden. UNESCO-Welterbestätten verstehen sich als Lernorte für die Weltgemeinschaft, an denen denen interkulturelle Begegnungen möglich sind und kulturelle Vielfalt sinnlich erfahrbar ist. Das UNESCO-Besucherzentrum für das Bauhaus-Welterbe Bernau wird in diesem Sinne Projekte mit den Akteuren am Bauhaus Campus (Handwerkskammer Berlin, Oberstufenzentrum I Barnim, barnim-gymnasium und baudenkmal bundesschule bernau e. V., Stadt Bernau bei Berlin) entwickeln.

 

Befüllung der Zeitkapsel mit:


1. Stadt Bernau bei Berlin: #Bernauer (Ausg. 2019 zur Bundesschule), MOZ vom 29.7.2020

2. Steimle Architekten, Stuttgart: Bauzeichnung, 3D-Modell des Besucherzentrums

3. Handwerkskammer Berlin: Kopie der UNESCO-Welterbe-Urkunde 

4. baudenkmal bundesschule bernau e. V.: Planzeichnung Rekonstruktion der Außenanlagen am Bauhaus Campus Bernau

5. Oberstufenzentrum I Barnim: Gründung der Start-up-Schülerfirma 

6. barnim-gymnasiusm: Memorystick mit Bauhaus-Film von Schülern der AG „Bernau Digital"

Das von Steimle Architekten aus Stuttgart entworfene UNESCO-Besucherzentrum – ein Pavillonbau aus Beton, Glas und Stahl – soll mit seiner Transparenz schon von außen Einblicke geben und zum Eintreten einladen. Von innen dann geben die großen Fensterflächen Ausblicke auf den den gesamten Bauhaus Campus. Das Besucherzentrum wird von der Stadt Bernau bei Berlin gebaut und finanziert, gefördert durch das Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“. Betreiberin wird die BeSt Bernauer Stadtmarketing GmbH. Das UNESCO- Besucherzentrum wird ein Begegnungsort, an dem Bernauer und Besucher über das Bauhaus-Welterbe miteinander in Kontakt treten können.

 

Am 22. Juni 2020 haben die Arbeiten für das UNESCO-Besucherzentrum am Bauhaus-Welterbe Bernau mit der Errichtung der Bauzäune und Containeranlage und den ersten Erdbauarbeiten begonnen. Die Kosten für das Besucherzentrum betragen nach aktuellem Stand 2 Millionen Euro, wovon 667.000 Euro aus dem Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ gefördert werden. Finanziert und gebaut wird das Besucherzentrum von der Stadt Bernau bei Berlin. Betreiber wird die BeSt Bernauer Stadtmarketing GmbH. Das UNESCO-Besucherzentrum wird voraussichtlich im Juli 2021 eröffnet.