1927 - 1933

Studierende im Glasgang

Die Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) wurde als erste zentrale gewerkschaftliche Bildungsstätte der Verbände und des ADGB am 4. Mai 1930 feierlich eröffnet. Sie bot 120 Lehrgangsteilnehmern Platz. So konnten gleichzeitig drei Lehrgänge der verschiedenen Verbände mit je 40 Teilnehmern stattfinden. Mit Ausnahme des Deutschen Metallarbeiterverbandes haben bis Mai 1933 alle im ADGB organisierten Einzelgewerkschaften mindestens einen Verbandslehrgang belegt oder eine größere Anzahl ihrer Funktionäre zu gemeinsamen Lehrgängen beruflich verwandter Organisationen entsandt. ###Besonders intensiv wurde die Schule durch den Gesamtverband der Arbeitnehmer der öffentlichen Betriebe und des Personen- und Warenverkehrs genutzt, der in diesem Zeitraum praktisch ständig mit einem Lehrgang von 40 Funktionären an der Schule vertreten war.

Strukturell gliederten sich die Lehrgänge in Einführungskurse von vierwöchiger, in Fortgeschrittenenkurse von zumeist zweiwöchiger und in Lehrgänge für z. B. Jugendleiter, Frauen, Betriebsräte und Arbeitsrichter von ein- oder zweiwöchiger Dauer. Auch der
Internationale Gewerkschaftsbund führte 1930 einen einwöchigen Lehrgang mit 40 Teilnehmern aus zwölf europäischen Ländern durch. Häufig besichtigten aber auch Besucher aus dem In- und Ausland die Bundesschule, um die moderne Architektur und Einrichtung kennenzulernen. 

Insgesamt besuchten in den 36 Monaten des Bestehens der Schule etwa 4200 bis 4500 Gewerkschafter hier Kurse. Sie gehörten entgegen den ursprünglichen Intentionen des ADGB - Bundesvorstandes, vorrangig Spitzenfunktionäre auszubilden, eher der unteren und mittleren Funktionärsebene an und waren zwischen 20 und 50 Jahre alt. Etwa 15 bis 20 Prozent der Teilnehmer waren Frauen.

AnkunftIm SpeisesaalIn der Sporthalle


Inhaltlich wurden insbesondere Grundkenntnisse auf sozialpolitischen, wirtschaftspolitischen und arbeitsrechtlichen Gebieten durch fest angestellte Lehrer vermittelt. In der übrigen Unterrichtszeit behandelten hauptamtliche Vertreter der jeweils entsendenden Verbände organisations- und berufsspezifische Probleme, Geschichte und aktuelle Fragen der jeweiligen Verbandspolitik. Darüber hinaus sah der Lehrplan „praktische Übungen“ und „schriftliche Arbeit“ sowie etwa 15 Stunden für „Sport und Körperpflege“ vor. Einen breiten Raum nahmen kulturelle Veranstaltungen ein, die zum Pflichtprogramm gehörten und zumeist in den Abendstunden stattfanden. Mit diesem Konzept stand die Schule in der Tradition gewerkschaftlicher Bildungsarbeit seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts.

1933 - 1945

Eröffnung der Reichsführerschule 1933

Am 6. und am 9. März 1933 drangen SA-Trupps für kurze Zeit in die Bundesschule Bernau ein. Nach Protesten der ADGB - Führung wurde das Gelände wieder geräumt. Jedoch konnte die Inbesitznahme der Schule durch die Nationalsozialisten nur bis zum 2. Mai aufgehalten werden. An jenem Tag besetzte der Berliner SA-Sturm IV/208 die Schule. Die anwesenden Gewerkschaftsschüler mussten das Areal verlassen.###

In Anwesenheit von Adolf Hitler wurde am 16. Juni 1933 die Schule mit großem propagandistischen Aufwand als Reichsführerschule der NSDAP und der DAF eingeweiht. In dieser „Hochschule des Nationalsozialismus“ erfolgte die Schulung von Spitzenfunktionären der NSDAP, der DAF und der NSBO. Neben fest angestellten Lehrkräften referierten hier führende NS-Vertreter wie Joseph Goebbels, Alfred Rosenberg, Julius Streicher und Robert Ley. Der Unterricht war militärisch geprägt. Auf dem Schulgelände wurden ein Schießstand und wehrsportliche Anlagen errichtet.

Am 6. Juni 1936 übernahm die Reichsführung der SS die Schule, die in „SD-Schule Bernau bei Berlin“ umbenannt wurde. Durch Fechtkurse, die auf Anregung von Reinhard Heydrich stattfanden, wurde auch der Name „Fechtschule der SS“ geläufig. Vorrangig wurden SS-, SD- und Gestapoangehörige ideologisch und wehrsportlich geschult. Ab Mitte 1939 erfolgte in Bernau die Ausbildung von Angehörigen des Sicherheitsdienstes (SD), die nach Beginn des Krieges gegen Polen u. a. für den Einsatz in den besetzten Gebieten vorgesehen waren. Im Sommer 1939 bereitete die SS unter strenger Geheimhaltung spezielle Trupps vor, die polnische Überfälle auf deutsche Einrichtungen in Oberschlesien vortäuschten. Der damalige Schulleiter SS-Sturmbannführer Karl Hoffmann war an den Aktionen Ende August beteiligt.

Zu Beginn des Krieges erhielt die Schule einen Tarnanstrich. Anfragen von Unternehmen, die Schule ab 1940 zur Unterbringung von Zwangsarbeitern zu nutzen, lehnte die SS ab. Mehrtägige Tagungen des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) fanden in den Jahren 1941 bis 1943 an der SD-Schule statt, an denen die SS-Beauftragten aller von der Wehrmacht besetzten Gebiete teilnahmen. Es wurde über die Rassenpolitik sowie die Deportations- und Siedlungspolitik in Mittel- und Südosteuropa beraten. Bis Kriegsende waren einige Referate des RSHA in der Bernauer Schule als Ausweichobjekt untergebracht.

1945 - 1990

Kursteilnehmer gestalten eine Wandzeitung 1948

Nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft und dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Frühjahr 1945 unterstanden die Gebäude der ADGB - Bundesschule als vermeintlicher Bestandteil des Naziregimes der Sowjetischen Militäradministration (SMAD). Die Rote Armee nutzte sie vorübergehend als Lazarett und Militärunterkunft. ###Bereits Ende 1945 reklamierten der im Sommer gegründete Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) seinen Anspruch auf das 1933 geraubte Eigentum. Nach Rückgabe der Gebäude an die Gewerkschaft im Frühjahr 1946 begannen angesichts zahlreicher Zerstörungen (Türen, Fenster, geraubter Möbel, defekter Anlagen) umfangreiche und wegen der bestehenden Materialknappheit langwierige Sanierungsarbeiten.

Am 2. Mai 1947 konnte die FDGB-Bundesschule „Theodor Leipart“, gedacht als Ausbildungsstätte für Gewerkschafter aus allen vier Besatzungszonen, eröffnet werden. Diese Absicht ließ sich jedoch infolge der Spaltung Deutschlands und des Kalten Krieges nur teilweise verwirklichen. In der Bundesschule wurden nun ehrenamtliche und hauptamtliche Gewerkschaftsfunktionäre ausgebildet. Die Lehrgänge der ersten Jahre beinhalteten Themen der Tarif-, Sozial- und Wirtschaftspolitik sowie der Jugend- und Frauenpolitik. Es fanden kurz- (zwei und vier Wochen) und längerfristige Lehrgänge (Halbjahres- und Jahreskurse) statt. 

Im Januar 1952 erhielt die Bundesschule den Status einer Hochschule (Gewerkschaftshochschule „Fritz Heckert“). Die Ausbildung wurde auf zwei und ab 1956 auf drei Jahre verlängert. Das Studium schloss mit der Vergabe eines Diploms ab. Entsprechend den Inhalten der Ausbildung wurden Lehrstühle und Institute eingerichtet (Politische Ökonomie, Betriebswirtschaft, Sozialpolitik, Arbeitsrecht, Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung, Philosophie, Kulturpolitik der Gewerkschaften). Das Direktstudium fand seine Ergänzung mit dem ab 1958 eingerichteten Fernstudium (vier bis fünf Jahre) und seit 1961 in den speziellen Frauenexternatsklassen in einzelnen Bezirken der DDR. Auf Wunsch des Weltgewerkschaftsbundes und nationaler Gewerkschaftszentralen in Afrika, Asien und Lateinamerika fanden seit 1959 zahlreiche Lehrgänge für ausländische Gewerkschafter statt.

An der Gewerkschaftshochschule, d.h. in den Gebäuden der alten Bundesschule und den seit 1950 errichteten Bauten, waren neben den Hörsälen, Seminar- und Internatsräumen eine beachtliche Zahl sozialer und Dienstleistungseinrichtungen untergebracht sowie Möglichkeiten für kulturelle und sportliche Betätigung entstanden. 

In den Jahren 1947 bis 1990 erhielten über 15 000 deutsche und etwa 5000 ausländische Gewerkschafter eine Ausbildung an der Bernauer Gewerkschaftsschule. 

Mit der Auflösung des FDGB wurde die Schule als gewerkschaftliche Bildungseinrichtung am 30. September 1990 geschlossen und die 195 Lehrkräfte und 345 Arbeiter und Angestellte entlassen.

1990 - 2006

Eingang der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung

Nach der Schließung der Gewerkschaftshochschule im September 1990 waren der Erhalt und die Nutzung der unter Denkmalschutz stehenden Gebäude sowie der Außenanlagen längere Zeit ungewiss. Der Gebäudekomplex wurde zunächst von der gewerkschaftlichen Vermögensverwaltungsgesellschaft (VVG) des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes i. L. verwaltet ###und an verschiedene interessierte Nutzer (unter anderem an die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte und das Bildungs- und Begegnungszentrum Bernau) vermietet.

Die Treuhandanstalt vermietete im August 1991 die Immobilie an das Land Brandenburg zur Einrichtung einer Fachhochschule für öffentliche Verwaltung (FH). Diese begann am 1. 1. 1992 mit dem Lehrbetrieb. Erste Sanierungs- und Teilrekonstruktionsmaßnahmen im Dachbereich vor der Turnhalle und in einem Lehrerhaus konnten mit eingeworbenen finanziellen Mitteln des Vereins bbb erfolgen.

Im Dezember 1993 schlossen das Land Brandenburg und die Stadt Bernau bei Berlin für das Gelände der ehemaligen Gewerkschaftsschule des FDGB einen Erbbauvertrag über 60 Jahre ab. Doch bereits 1996 wurde das Objekt durch die Landesregierung wieder zur Disposition gestellt und eine Verlegung der FH angestrebt, die endgültig zum 31. August 1998 erfolgte.

Der nun folgende Leerstand verursachte erhebliche Schäden an der Bausubstanz. Die Bemühungen der Landesregierung um eine sinnvolle und funktionsgerechte Nachnutzung führten für den Kern des denkmalgeschützten Bereiches, den MeyerWittwerBau, im September 2000 zum Erfolg. 

Mit Unterzeichnung eines Untererbbaurechtsvertrages zwischen dem Land Brandenburg und der Handwerkskammer (HWK) Berlin wurde diese neuer Eigentümer des Hauptteils des Baudenkmals (MeyerWittwerBau), jedoch ohne die Lehrerhäuser und die Außenanlagen. Die HWK trat im September 2001 verbindlich in ihre Rechte ein. Damit waren nun alle Voraussetzungen für eine sach- und fachgerechte Sanierung und künftige Nutzung des Baudenkmals erfüllt. Schon im Januar 2001 erfolgte eine europaweite Ausschreibung für das Sanierungsvorhaben, an der sich 102 Architekten und Planungsbüros beteiligten.

Das Präsidium der HWK erteilte im Juli 2001 dem Büro "Winfried Brenne Gesellschaft von Architekten" Berlin den Auftrag für die Generalplanung der Sanierung und Teilrekonstruktion des MeyerWittwerBaus und die Oberbauleitung für die Ausführung der Arbeiten. 

Die Planung sowie die Vorarbeiten begannen im September 2001 und im Februar 2003 startete der 1. Bauabschnitt. Im Frühjahr 2005 wurden die Arbeiten im Foyerbereich und den Internaten abgeschlossen. Der 2. Bauabschnitt dauerte bis Ende 2007.

Heute zeigt sich das Schulgebäude nahezu vollständig im original wiederhergestellten Zustand. Im Eingangsbereich wurde aber auch der Kopfbau aus den 50er Jahren erhalten. Dass dies insgesamt gelang, ist jenen ehemaligen Lehrern an der DDR - Gewerkschaftsschule und vielen engagierten Mitstreitern aus der Bundesrepublik Deutschland, aus Berlin (West) und der Schweiz zu verdanken, die sich seit der Wiedervereinigung gemeinsam und beharrlich für den Erhalt dieses Denkmals eingesetzt haben, dessen Wert und Bedeutung sie längst erkannt hatten.

2007 - heute

saniertes Sport- und Seminargebäude

Die HWK Berlin nutzt den MeyerWittwerBau als Internat für ihr Bildungs- und Innovationszentrum (BIZWA) in Bernau - Waldfrieden. Nach der Bereitstellung der Mittel durch das Land Brandenburg kann die „Brenne Gesellschaft von Architekten mbH.“ im August 2009 mit der Sanierung und Wiederherstellung der zum Baudenkmal Bundesschule gehörenden Lehrerhäuser  beginnen. Ende 2010 ziehen die ersten Mieter in die sanierten Wohnungen ein. Ende 2011 entsteht im Rahmen des Veranstaltungsprogramms zum Themenjahr von "Kulturland Brandenburg" der Dokumentarfilm "Die Bundesschule Bernau - Denkmal der Moderne" in deutscher und englischer Sprache. 

Im August 2012 schlägt das Bundesland Brandenburg gemeinsam mit den Bundesländern Sachsen - Anhalt und Thüringen vor, die in die Welterbeliste der UNESCO eingetragenen Bauhausstätten Weimar und Dessau um die ADGB - Bundesschule Bernau und die Wohnsiedlung Dessau - Törten zu ergänzen. Im Juli 2017 erfolgt diese Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste.

Am 07. Oktober 2015 erhält der Verein baudenkmal bundesschule bernau e. V. den Brandenburgischen Baukulturpreis/Initiativpreis 2015.

Im Jahr 2016 wird mit der Revitalisierung der Außenanlagen am Bauhaus Denkmal Bundesschule Bernau begonnen. Dazu gehören die Zufahrt Fritz-Heckert-Strasse, der Eingangsbereich zum Hannes-Meyer-Campus, der gesamte Campus, die Wiedererrichtung der Pergola im Innenhof und die Umgebung des Teiches. Leerstehende, nicht denkmalgeschützte Gebäude am Campus wurden abgerissen. Auf einem Teil des Geländes wird ein neuer Besucherparkplatz entstehen. Bis voraussichtlich 2020 soll am Hannes-Meyer-Campus ein separates Gebäude als Besucherzentrum errichtet werden.

Die Autorin Elefteriya Yuanidis erstellte 2017 eine Filmdokumentation "Die Gewerkschaftsschule Bernau 1947 - 1990. Zeitzeugen erzählen" (90 Min.)  Ehemalige Mitarbeiter, Angestellte, Studenten und Dozenten der Gewerkschaftsschule berichten über Ihre Zeit an dieser Einrichtung und über die Wandlungen, die sie in Bildung und Arbeit erlebten.

 

 

 

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